KI ALS SPARRINGSPARTNER FÜR LOGISCHES ARGUMENTIEREN
6.1
Argumentieren ohne Fehlschlüsse
Wissenschaftliche Texte überzeugen durch das Zusammenspiel empirischer Befunde und logisch strukturierter, nachvollziehbarer Argumentationsketten. Diese beruhen auf fachspezifischen Begründungsstandards sowie allgemeinen Regeln des Argumentierens und kritischen Denkens.
Eine gelungene wissenschaftliche Arbeit überzeugt nicht nur durch ihren Stil, sondern auch durch ihre Argumentation, die stichhaltig sein soll. Eine Argumentation ist logisch überzeugend, wenn ihre Schlussfolgerungen auf plausiblen Gründen (Prämissen) beruhen und nach den Regeln der Logik aus diesen abgeleitet werden. Wissenschaftliche Argumentationen bestehen daher aus zusammenhängenden Argumentationsketten, in denen Prämissen und Schlussfolgerungen logisch miteinander verknüpft werden.
Ein logisch gültiger Schluss allein genügt nicht für eine überzeugende Argumentation. Zusätzlich müssen die zugrunde liegenden Prämissen wahr sein, d. h. auf Fakten und Evidenzen beruhen. Erst die Verknüpfung von logischer Gültigkeit und wahren Prämissen macht ein Argument stichhaltig.
Beispiel
Grund/Prämisse 1: Wir können entweder bar oder mit Karte bezahlen.
Grund/Prämisse 2: Wir haben kein Bargeld dabei.
→ Schlussfolgerung: Also bezahlen wir mit Karte.
Laut der Regel des disjunktiven Syllogismus gilt: Wenn von zwei Möglichkeiten mindestens eine zutreffen muss und sich zeigen lässt, dass eine nicht zutrifft, dann muss die andere zutreffen.
Argumentieren und kritisches Denken
Wer Texte mit logischen Argumenten verfassen möchte, muss kritisch denken können. Dazu gehört zunächst zu prüfen, ob die Gründe für die Schlussfolgerung wahr und relevant sind. Darüber hinaus muss man beurteilen können, wie hinreichend die Gründe sind, um die Schlussfolgerung zu tragen, und wie überzeugend mögliche Gegenargumente berücksichtigt und entkräftet wurden (Kruse, 2017; Hitchcock, 2024).
Komplexere Argumente in wissenschaftlichen Texten bestehen oft aus mehr als nur den zwei Elementen «Gründe → Schlussfolgerung» und der Beziehung zwischen ihnen. Weitere Elemente sind unter anderem Einwände, Zugeständnisse (Konzessionen) und Erwiderungen. Hinzu kommen die von Stephen Toulmin (1975) beschriebenen Elemente, die im Video erklärt werden, wie die Schlussregel (warrant), die Stützung der Schlussregel (backing) und der Modaloperator (qualifier).
Fehlschlüsse in der Argumentation
Argumente können Fehlschlüsse enthalten. In der Argumentationstheorie bezeichnet ein Fehlschluss (fallacy) einen Fehler in der Struktur oder Durchführung eines Arguments, der dazu führt, dass die Schlussfolgerung nicht gerechtfertigt ist. Achten Sie besonders auf Typen wie:
- Zirkelschluss (petitio principii): z. B. «KI verbessert das Lernen, weil sie den Lernprozess optimiert».
- Voreilige Verallgemeinerung: z. B. «In einer Gemeinde mit strenger Maskenpflicht stiegen die Fallzahlen weiter – Masken sind also wirkungslos gegen Viren».
- Falsche Dichotomie: z. B. «Entweder verbieten wir KI im Studium ganz, oder die akademische Integrität bricht zusammen».
- Schiefe Ebene (slippery slope): z. B. «Heben wir den Spitzensteuersatz an, wandern erst Unternehmen ab, dann Investoren, schliesslich werden wir wettbewerbsunfähig und die Wirtschaft kollabiert».
Prof. Dr. Thiemo Wambsganss, Institut Digital Technology Management, Berner Fachhochschule
KI und kritisches Denken: Risiken der Auslagerung
Wie die Verwendung von KI die kritische Denkfähigkeit langfristig beeinflusst, ist zurzeit noch unklar; aus der Forschung liegen unterschiedliche Befunde vor (Raitskaya & Tikhonova, 2025; Zhai et al., 2024).
Es ist jedoch plausibel anzunehmen, dass unreflektiertes Auslagern von Denkprozessen an eine KI die Fähigkeit zum kritischen Denken schwächen könnte. Nicht zuletzt, weil durch dieses sogenannte «cognitive offloading» der eigene Denkprozess übersprungen wird, die Aufmerksamkeit auf das Textprodukt statt auf den Argumentationsverlauf verlagert wird und dem Output der KI ein übermässiges Vertrauen entgegengebracht wird (Kosmyna et al., 2025).
Tipp
- Überlassen Sie das Denken nie vollständig einer KI. Lassen Sie beispielsweise nie eine KI eine vollständige Argumentationskette generieren. Verwickeln Sie die KI lieber in einen Dialog über eine Argumentationskette, die Sie selbst erstellt haben, oder fragen Sie sie nach Gegenargumenten oder alternativen Schlussfolgerungen.
- Indem Sie Ihr eigenes Denken in kritische Dialoge mit KI einbringen, prüfen und schärfen Sie Ihre Argumentationsketten; gleichzeitig entwickeln Sie Ihre eigene Argumentationskompetenz weiter.
Jetzt sind Sie dran
Stärken Sie Ihre Argumentationskompetenz: Probieren Sie einen mehrsprachigen Chatbot aus, der auf dialogische Argumentation spezialisiert ist: criticalthinkingbot.com
Quellen und weiterführende Ressourcen
Hitchcock, David. (2024). Critical thinking. In Edward N. Zalta & Uri Nodelman (Hrsg.), The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Metaphysics Research Lab, Stanford University. https://plato.stanford.edu/archives/sum2024/entries/critical-thinking/ (Mit einem Übersetzungs-Plugin lässt sich auswählen, in welcher Sprache der Text gelesen wird.)
Kosmyna, Nataliya, Hauptmann, Eugene, Yuan, Ye Tong, Situ, Jessica, Liao, Xian-Hao, Beresnitzky, Ashly Vivian, Braunstein, Iris, & Maes, Pattie. (2025). Your brain on ChatGPT: Accumulation of cognitive debt when using an AI assistant for essay writing task (arXiv:2506.08872). arXiv. https://doi.org/10.48550/arXiv.2506.08872
Kruse, Otto. (2017). Kritisches Denken und Argumentieren: Eine Einführung für Studierende. UVK Verlagsgesellschaft.
Raitskaya, Lilia, & Tikhonova, Elena. (2025). Enhancing critical thinking skills in ChatGPT-human interaction: A scoping review. Journal of Language and Education, 11(2), 5–19. https://doi.org/10.17323/jle.2025.27387
Toulmin, Stephen Edelston. (1975). Der Gebrauch von Argumenten. Scriptor-Verlag. (Original erschienen 1958; überarbeitete englische Fassung 2003)
Zhai, Chunpeng, Wibowo, Santoso, & Li, Lily D. (2024). The effects of over-reliance on AI dialogue systems on students’ cognitive abilities: A systematic review. Smart Learning Environments, 11(1), 28. https://doi.org/10.1186/s40561-024-00316-7