EIN BUCH ENTSTEHT

3.2

Die Bibel übersetzen

Erasmus und die Humanisten

Es ist bemerkenswert, dass mehrere historische Ereignisse, die für die epochale Leistung des Erasmus von zentraler Bedeutung sind, in den Zeitraum kurz vor seiner Geburt fallen: Es sind dies die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern (Gutenberg-Bibel), der die Gestaltung und Verbreitung von Texten revolutionierte, etwa zeitgleich mit dem Fall Konstantinopels 1453, nach dem zahlreiche griechische Gelehrte in den Westen flüchteten. Etwas später erfolgte 1460 die Gründung der Universität Basel, die ihre Wurzeln im Konzil hat, für das Kardinal Ragusa (noch vor 1453) aus Byzanz die griechischen Handschriften nach Basel brachte, die Erasmus dann für seine Ausgabe benutzte. Und ganz wesentlichen Einfluss übte auf ihn der Renaissance-Humanismus aus. Der Aufschwung des Griechischen im Westen im 15. Jh. zog eine intensivierte Beschäftigung mit Sprache und Stil nach sich, und Fragen des Übersetzens rückten in den Fokus der humanistischen Philologen. Ihren Verdiensten auf diesem Gebiet ist dieser Abschnitt gewidmet.
Denn wenn von den drei Hauptteilen des Novum Instrumentum die Annotationes das waren, womit alles begann, quasi die Keimzelle des gesamten Werks, und der Erstdruck des griechischen Originaltextes sicher die grösste nachhaltige Wirkung entfaltete, so war die verbesserte lateinische Übersetzung des Neuen Testaments derjenige, der Erasmus am meisten am Herzen lag. Die Vulgata, seit über tausend Jahren in Gebrauch, genügte nämlich den Ansprüchen des humanistischen Zeitalters nicht mehr.

Die Vulgata

Zur Zeit des Erasmus hatte man die biblischen Schriften in Westeuropa seit fast tausend Jahren nur noch auf Lateinisch gelesen. Um das Unbehagen der Humanisten zu verstehen, müssen wir einen Blick zurück auf die Geschichte der lateinischen Übersetzung des Neuen Testaments werfen (vgl. auch die Zeittafel Kap. 2.3). Die Schriften des NT wurden in der zweiten Hälfte des 1. Jh. auf Griechisch abgefasst. Dies war die Verkehrssprache im gesamten Mittelmeerraum und zuerst auch in den Christen­gemeinden, die im Westen des Römischen Reiches entstanden. Dort wurde es ab dem späten 2. Jh. vom Lateinischen abgelöst. Die frühesten Übersetzungen waren Wort-für-Wort-Wiedergaben des griechischen Textes in unterschiedlichen Fassungen. Heute grösstenteils verloren, werden sie unter der Bezeichnung Vetus Latina, «alte lateinische» (Übersetzung) zusammengefasst. Nach der Konstantinischen Wende und insbesondere mit der Erklärung des Christentums zur Staatsreligion (380) verlangte die Reichskirche nach einer überall verbindlichen lateinischen Übersetzung mit einheitlichem Wortlaut. Die Grundlage dazu schuf im Auftrag des Papstes Damasus (um 305–384) der Kirchenvater Hieronymus (347–419), der die letzten Jahrzehnte seines Lebens ganz der Arbeit an den Texten des Neuen und auch des Alten Testaments widmete. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern bemühte sich Hieronymus in seiner Übersetzung um idiomatisches Latein. Als vir trilinguis («dreisprachiger Mann» – Latein/Griechisch/Hebräisch) war er das grosse Vorbild des Erasmus. Unter der Bezeichnung Vulgata («allgemein verbreitete») setzte sich die auf ihn zurückgehende lateinische Übersetzung im Mittelalter als verbindliche Fassung des Bibeltextes in der Römischen Kirche durch. Sie galt nun als bis in den Wortlaut vom Heiligen Geist inspiriert; Änderungen an diesem Wortlaut waren folglich ein Sakrileg.

Die Wegbereiter des Erasmus

Während die jüdischen Schriftgelehrten den Wortlaut des Tanach, des hebräischen Alten Testaments, mit ausgeklügelten (und beeindruckend erfolgreichen) Massnahmen schützten, war bei den christlichen Texten die Gefahr von Überlieferungsfehlern viel höher. Erasmus stellte eine Liste mit sieben Arten von Fehlern zusammen, die er in der Vulgata festgestellt hatte. Aber er war nicht der erste, der den vermeintlich göttlich inspirierten Wortlaut beanstandete. Denn mit dem Aufblühen des Renaissance-Humanismus hatten, ausgehend von Italien, Gelehrte in ganz Europa begonnen, sich intensiv der Antike zuzuwenden. Die Beschäftigung mit den antiken Texten weckte auch ein neues Interesse an der Sprache. Die Frage, was gutes Latein sei, bedurfte der Klärung; denn obwohl Latein nach wie vor die Sprache der Kirche und der Wissenschaft war, gab es schon längst keine Muttersprachler mehr. Die Humanisten orientierten sich am Sprachgebrauch Ciceros und anderer Autoren des ersten vor- und nachchristlichen Jahrhunderts. Anders als beim Lateinischen war die Tradition des Griechischen im Westen seit der Teilung des Reiches in der Spätantike unterbrochen. Mit dem Renaissance-Humanismus erwachte auch das Interesse an der griechischen Sprache und Literatur neu. Viele Humanisten übersetzten griechische Werke ins Lateinische und widmeten sich eingehend sowohl den Sprachen als auch Fragen des Übersetzens. Im Zuge dieser Studien begannen sie sich auch mit dem Text des Neuen Testaments zu befassen. Die etablierte Vulgata-Übersetzung geriet vor allem deshalb in die Kritik, weil sie den Ansprüchen der Humanisten in sprachlich-stilistischer Hinsicht nicht mehr genügte. Die wichtigsten Vorgänger des Erasmus seien hier kurz vorgestellt; zu ihren Werken s. Kap. 5.1.2.

Lorenzo Valla (1406/7–1457) ist heute vor allem noch dafür bekannt, dass er die sogenannte Konstantinische Schenkung (eine Urkunde, mit der der Kirchenstaat seine Territorialansprüche begründete) als Fälschung entlarvte. Für Erasmus waren aber vor allem seine Schriften zur lateinischen Sprache und zum Neuen Testament wichtig. In den Elegantiae zeigte Valla, was korrektes und präzises Latein sei, in Wortschatz, Grammatik und Stil. Indem er sich dafür an Cicero und anderen Autoren des 1. Jh. vor und nach Chr. orientierte, begründete er die Vorstellung vom klassischen Latein. Seine kritischen Anmerkungen zum Neuen Testament (Adnotationes) erschienen 1505 erstmals im Druck, rund fünfzig Jahre nach ihrer Abfassung und herausgegeben von Erasmus, der es in seinem Widmungsschreiben an Christopher Fisher (†1512) auch übernimmt, Vallas Unterfangen zu rechtfertigen; dafür ist dessen eigene Vorrede weggelassen. Valla äusserte begründete Zweifel daran, dass die tradierte Übersetzung das Werk des Hieronymus sei, z.B. wegen sprachlichen Fehlern, die dem Kirchenvater unmöglich unterlaufen wären. Rund ein Jahrtausend nach diesem unternahm es Valla, diese Übersetzung durch den Vergleich mit griechischen Handschriften zu überprüfen. Jahrhundertelang war dies nicht mehr möglich gewesen, denn mit dem Ende des weströmischen Reiches und dem Kollaps des klassischen Bildungssystems war im Westen auch die Kenntnis des Griechischen verlorengegangen. Durch diesen Vergleich sollten dunkle Textstellen erklärt und im Lauf der Überlieferung entstandene Fehler korrigiert werden können. Erasmus sah Valla als Nachfolger des Hieronymus.

Lorenzo Valla

Lorenzo Valla, Porträtsammlung der Universitätsbibliothek Basel, aus: Nikolaus Reusner, Icones sive imagines virorum literis illustrium …, Strassburg 1590, S. 77


Der Florentiner Giannozzo Manetti (1396–1459) verkörpert wie nur wenige den Geist des italienischen Renaissance-Humanismus. Als seltene Ausnahme seiner Zeit beherrschte er perfekt alle drei klassischen resp. biblischen Sprachen, war vielseitig gebildet und besass eine der bedeutendsten Renaissancebibliotheken, die zum grössten Teil immer noch in der Vatikanischen Bibliothek erhalten ist. Im Auftrag des Papstes Nikolaus V. arbeitete er in Rom bis zu dessen Tod 1455, danach in Neapel an einer Bibelübersetzung, von der er den Psalter und das Neue Testament vollendete. Wie sein Zeitgenosse Lorenzo Valla zog er bei der Arbeit griechische Handschriften heran, war aber sehr zurückhaltend, was Änderungen am Vulgatatext angeht. Insbesondere achtete er darauf, griechische Begriffe lateinisch einheitlich immer gleich wiederzugeben. Ausserdem formulierte er in der Schrift Apologeticus seine Prinzipien. Da er seine NT-Übersetzung aber nie einem breiteren Publikum zugänglich machte, blieb diese ohne Einfluss auf die spätere Bibelphilologie.

Giannozzo Manetti

Giannozzo Manetti, Cristofano dell’Altissimo, Porträt von Giannozzo Manetti, Florenz, Uffizien (Gemeinfrei: Wikimedia Commons)


Jacques Lefèvre d’Etaples (latinisiert Iacobus Faber Stapulensis, um 1450–1536), ein älterer Zeitgenosse des Erasmus, zweifelte wie Valla daran, dass die tradierte Übersetzung des Neuen Testaments auf Hieronymus zurückgehe. 1512 publizierte er seine Ausgabe der Paulusbriefe. Darin gibt er zuerst eine Gliederung und Inhaltsangaben; zu den einzelnen Briefen verfasste er jeweils eine Deutung und einen Stellenkommentar. Am meisten Beachtung fand aber seine neben die Vulgata gestellte eigene Übersetzung. Er verfolgte das gleiche Ziel wie Erasmus: Durch eine nach den griechischen Textzeugen bereinigte Übersetzung eine breite Leserschaft zu erreichen. Deren Interesse war vorhanden: Schon 1515 erschien ein Nachdruck, der nur die Übersetzung enthält, mit der Vulgata als Haupttext und Lefèvres Version am Rand. Allerdings führte diese zum Zerwürfnis mit Erasmus: Hebr. 2,7 ersetzte Lefèvre ab angelis durch a deo (s. Abb. 5.1.2.4), eine unzulässige Sinnänderung nicht nur in Erasmus’ Augen. Das Verhältnis der beiden erholte sich nie mehr von dieser Auseinandersetzung. Aber am Ende der Apologia (vgl. Kap. 5.1.9) beruft sich Erasmus explizit auf ihn und Valla als seine wichtigsten Vorgänger.

Jacques Lefèvre

Jacques Lefèvre d’Etaples, Porträtsammlung der Universitätsbibliothek Basel, aus: Jean Jacques Boissard, Icones quinquaginta virorum illustrium …, Frankfurt 1597-99, Teil 1, S. 112


Lorenzo Valla, Giannozzo Manetti und Jacques Lefèvre d’Etaples bereiteten also das Terrain für Erasmus’ Revision der Vulgata im Novum Instrumentum. Wer den vertrauten lateinischen Wortlaut in Frage stellte, stand allerdings sogleich in der Kritik: Nach gängiger Auffassung galt diese Übersetzung als vom Heiligen Geist inspiriert und somit ‛unantastbar’; das ganze über die Jahrhunderte errichtete Lehrgebäude der Kirche basierte darauf. Valla wurde vom apostolischen Sekretär Poggio Bracciolini in eine Kontroverse darüber verwickelt, ob die Vulgata philologischer Kritik unterzogen werden dürfe. Aber er und Manetti, die ihre einschlägigen Werke wohl nur im Freundeskreis zirkulieren liessen und zudem beide auch vor der Einführung des Buchdrucks starben, kamen relativ ungeschoren davon. Hingegen sah sich Erasmus’ Zeitgenosse Lefèvre d’Etaples, der seine Neuübersetzung der Paulusbriefe neben dem Vulgatatext drucken liess, ähnlich heftigen Angriffen ausgesetzt wie dieser.


Das richtige Wort

Der griechische Begriff «Logos» im ersten Satz des Johannes-Evangeliums wird in heutigen deutschen Bibelübersetzungen üblicherweise mit «Wort» wiedergegeben. Schlägt man den Begriff «Logos» aber nach, so gibt es noch etliche andere Bedeutungen. Auch das Austauschen des Wortes «denselben» kann den Inhalt grundlegend ändern … Bei den in der Animation verwendeten Texten handelt es sich nicht immer um existierende Bibelfassungen – die Animation hat vielmehr einen exemplarischen Charakter.



Ziel und Leistung des Erasmus

Wenn, wie Erasmus überzeugt war, «das bessere Bild Christi» in den Schriften des Neuen Testaments zu finden ist (Kap. 1.2), dann ist es unabdingbar, dass diese in einer korrekten, zuverlässigen und verständlichen Textfassung vorliegen. Genau das war, wie wir gesehen haben, in den Augen vieler Gelehrter bei der Vulgata nicht mehr der Fall. Aufgrund seiner Sichtweise der christlichen Lehre war es das Hauptziel des Erasmus, allen den Zugang zum NT und, wie er es selbst nennt, zur Philosophia Christi zu ermöglichen. Durch die Fehler in der Vulgata war dieser aber verstellt. Erasmus strebte eine sprachlich und stilistisch möglichst adäquate Wiedergabe des griechischen Textes an, wobei es ihm mehr auf den Sinn als auf den Wortlaut ankam. Im Novum Instrumentum von 1516 kommt dies bereits im Titel zum Ausdruck: Statt des vertrauten Testamentum setzt Erasmus Instrumentum, den Begriff für die schriftliche Fassung eines Vermächtnisses («Neuer Bund»). Schon in der zweiten Ausgabe (1519) kehrte er aber nach heftigen Angriffen zum geläufigen Titel Novum Testamentum zurück (Kap. 2.2, Interview 1). Dafür nahm er in dieser Ausgabe eine Änderung vor, die noch mehr Empörung hervorrief, an der er aber bis zur letzten Ausgabe festhielt: Im Prolog zum Johannes-Evangelium («Im Anfang war das Wort») änderte er die Übersetzung des griechischen logos von verbum (Wort) zu sermo (Rede, Sprache), da logos hier nicht ein einzelnes Wort, sondern Gottes ganze Botschaft bedeute (vgl. die Animation und Kap. 5.1.6). Wie bei Instrumentum statt Testamentum konnte er sich dabei auch auf Kirchenväter berufen, dennoch musste er eine eigene Verteidigungsschrift dafür verfassen. In der gleichen Ausgabe (1519) identifizierte Erasmus in den Capita Argumentorum sieben Kategorien von Problemen in der Vulgata, für die er jeweils zahlreiche Beispiele anführen konnte. Das prominenteste in der Kategorie 5, «Hinzufügungen», ist das sogenannte Comma Iohanneum (Kap. 2.3, Station 10 und Kap. 5.1.13), ein Teilsatz im 1. Johannesbrief, der in der Vulgata stand, aber weder in den griechischen Handschriften noch bei den Kirchenvätern. Konsequenterweise liess Erasmus ihn 1516 in seiner Übersetzung weg, fügte ihn aber ab der 3. Ausgabe wieder ein, denn das Comma galt als wichtiger Beweis für die Trinitätslehre, und Erasmus lief Gefahr, der Häresie schuldig befunden zu werden. Überhaupt konnte sich seine Übersetzung nicht wie erhofft durchsetzen. Aber der Impuls, der von seinem Novum Instrumentum ausging, insbesondere die darauf beruhenden Übersetzungen in die Volkssprachen, führte letztlich doch zu seinem Ziel, den Text des Neuen Testaments allen Interessierten zugänglich zu machen.




Quellenangaben

Die Ausführungen in diesem Kapitel basieren auf: Petra Schierl, «Die Humanisten und die Bibel» und «Die lateinische Übersetzung: Erasmus’ Revision der Vulgata», in: Ueli Dill, Petra Schierl (Hg.), Das bessere Bild Christi: Das Neue Testament in der Ausgabe des Erasmus von Rotterdam (Kat. Ausst. Basler Münster 2016, 2. Aufl. 2017), Basel 2016/2017, S. 35–38 und S. 111–114.

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